Unsere Mutter hätte sich sehr darüber gefreut...

 

Die Geschichte dahinter

Unsere Mutter ist in 2017 im Alter von 91 Jahren gestorben. Noch bis zu Ihrem Tod hat sie über ein für sie wichtiges und eindrückliches Ereignis gesprochen, das bereits 80 Jahre hinter ihr lag und das sie immer wieder sehr berührte und traurig machte.

Hermine Schauß, geborene Herzberg, war eine Nachbarin meiner Mutter. Wenn die Eltern auf dem Feld waren, ging sie immer zu ihrer "Schauß-Tante". Sie hat dort immer mal zu Mittag gegessen und auch dort übernachtet. Zu ihrem Geburtstag hat Schaußes Minchen ihr einmal eine ganz besondere Torte gebacken - eine solche, wie sie bisher noch nicht gesehen und gegessen hatte.

Hermine Schauß war eine Jüdin, die den Dorfschullehrer Albert Schauß geheiratet hatte. Wegen ihm ist sie auch vor der Heirat zum evangelischen Glauben übergetreten und ließ sich taufen. Sie war überall beliebt im Ort, half, wo immer es notwendig war. Leider konnte das Ehepaar keine eigenen Kinder bekommen und daher kümmerte sich Hermine ganz liebevoll um die kleine Hilde wie eine zweite Mutter.

In der NS-Zeit wurde das Leben für das Ehepaar schwieriger. Albert Schauß wurde aus dem Schuldienst entlassen und musste eine andere Arbeit übernehmen. Die anderen jüdischen Mitbürger in dem kleinen Ort Breidenbach bei Biedenkopf waren bereits weggezogen. Hermine war noch die einzige verbliebene Jüdin im Ort. Sie hoffte, dass ihr Nichts passierten würde, da sie mit einem deutschen Dorfschullehrer verheiratet und zum evangelischen Glauben übergetreten war.

Die Kinder in der Dorfschule wurden nach Wegang von Herrn Schauß mit neuen regime-treuen Lehrern nach den Grundsätzen der Nazis unterrichtet. Und so wurde auch meiner Mutter immer wieder eingetrichtert, dass sie sich von Juden fernzuhalten hätte. Obwohl unsere Großeltern strikt gegen Hitler und die Nazis waren, ging meine Mutter mit ihrer Freundin zu den Jungmädels. Das alles wirkte sich natürlich auf das Verhältnis von ihr zu Hermine aus.

Nach einem Besuch des Gauleiters aus Frankfurt wurde Hermine von einem Bürger des Ortes als Jüdin verraten. Es folgte eine "Einladung" nach Frankfurt, von wo sie nie wieder zurück kam. Am Vorabend der Abreise hatte sich Hermine noch von allen Nachbarn und Freunden verabschieden wollen. Meine Mutter hat ihr damals nicht Auf Wiedersehen gesagt, sondern sie lediglich aus dem Fenster des Obergeschosses beobachtet. Sie durfte ja nicht mehr mit Juden in Kontakt gehen.

Unsere Mutter hat dies bis zu ihrem Lebensende bereut. Die letzten Bilder am Vorabend der Abreise gingen ihr immer wieder durch den Kopf und hatten sich dort festgesetzt. Je älter sie wurde, umso mehr hat sie darüber geredet. Es hat ihr so sehr leid getan, sich von ihrer Schauß Tante nicht verabschiedet zu haben. Ihr Satz: Minchen, es tut mir so leid- wir waren ja so dumm.

Hermine ist zwei Tage nach ihrem 47. Geburtstag in Auschwitz getötet worden. Ihr Mann Albert kam nach der Nazi-Diktatur zurück in den Schuldienst und heiratete ein zweites Mal und wohnte mit seiner neuen Frau weiterhin in dem Haus in Breidenbach.

Verlegung des Stolpersteins in Breidenach

Am 10. September 2026 haben wir zum 140. Geburtstag von Hermine Schauß vor ihrem Haus in Breidenbach, in dem sie bis zu ihrer Deportation gelebt hat, einen Stolperstein verlegt. Er dient gegen das Vergessen. Denn hinter jedem Stein steht ein Mensch und ein Name: Hermine Schauß, geborene Herzberg.

Katja Demnig hat die Verlegung des Stolpersteins, an Stelle ihres Mannes Gunter vorgenommen, da er gesundheitlich verhindert war. Aus Anlass dieser Verlegung wurde ein Gedenkblatt mit einem Sonderstempel hergestellt und gegen eine Spende an Teilnehmer abgegeben. Gunter Demnig ist Künstler und Vater der Stolpersteine gegen das Vergessen. Stolpersteine sind ein europaweites Kunst- und Erinnerungsprojekt. Sie erinnern an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden oder auf andere Weise Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren. Stand Januar 2026 sind ca. 116.000 Stolpersteine in Deutschland verlegt worden.

Zur Veranstaltung kamen mehr als 100 Bürger und Interessierte. Neben Grußworten des Landrats des Kreises Marburg-Biedenkopf, Jens Womelsdorf und des Breidenbacher Bürgermeisters Christoph Felkl wurden auch die Grußworte des Antisemitismusbauftragten des Landes Hessens, Herrn Uwe Becker, vorgelesen. Eindrücklich auch die Verlesung des Lebenslaufs von Hermine Schauß durch die Breidenbacherin Ursula Ostrowski, die einzige noch lebende Person, die Hermine Schauß gekannt hat. Sie hat Hermine zufällig auf ihrer letzten Reise mit ihrem Mann nach Frankfurt ein Stück begleitet, da sie mit ihrer Mutter mit dem Zug in den nächsten Ort gefahren ist. Sie ist u.a. Herausgeberin eines Buchs über das Judentum im Ort Breidenbach, erstellt mit viel Liebe, Zeit und Akribie. Hierin auch die Niederschriften der Interviews mit vielen bereits vorstorbenen Nachbarn als Zeitzeugen dieser Ereignisse. 

Zwei wunderschön vorgetragene Lieder der Hinterland Schule, Wahlpflichfach Musik, in Breidenbach schmückten die feierliche Verlegung. Wie herbeigerufen das Glockengeläut der ev. Kirche Breidenbach um 11.00 Uhr und punktgenau die jährliche Sirenenprobe über die örtliche Sirenenanlage und die vielen Mobiltelefonen der Teilnehmer - die Sirene als Zeichen des Weckrufs und der Aufmerksamkeit und das Glockengeläut als Zeichen der Hoffnung. 

Die Verlegung des Stolpersteins soll ein Zeichen gegen Antisemitismus gerade in der heutigen Zeit sein. Denn nie wieder ist jetzt.